Die Geschichte

Pedro the Lion dröhnt durch die Lautsprecher und die Stadt wartet direkt vor unseren offenen Fenstern. Sie singt und sitzt mit gekreuzten Beinen auf dem Beifahrersitz, ihre schöne Stimme verborgen in der Lautstärke. Musik ist ein sicherer Ort und Pedro ist ihr Favorit. Es trifft mich, dass sie diese Skyline für einige Wochen nicht sehen wird und wir ohne sie sein werden. Ich beuge mich vor, wohl wissend, dass dies niedergeschrieben wird und ich frage, was sie sagen würde, wenn ihre Geschichte ein Publikum hätte. Sie lächelt. „Sag ihnen, sie sollen nach oben schauen. Sag ihnen, sie sollen sich an die Sterne erinnern.“

Ich würde ihr lieber ein Lied schreiben, weil Lieder nicht warten, sich aufzuklären und weil Lieder ihr so viel bedeuten. Geschichten warten auf ein Ende, aber Lieder sind mutige Dinge, wagemutig genug, um zu singen wenn alles, was sie kennen, Dunkelheit ist. Diese Worte, wie die meisten Wörter, werden bei Mitternacht geschrieben, zwischen Orkan und Zufluchtsort, während beide für sich beanspruchen, sie zu retten.

Renee ist 19. Als ich ihr begegne, ist Kokain frisch in ihrem Kreislauf. Sie hat seit 36 Stunden nicht geschlafen und sie wird es noch 24 weitere nicht. Es ist ein vertrauter Schleier von Koks, Gras, Pillen und Alkohol. Sie hat zugestimmt, uns zu treffen, zuzuhören und uns beten zu lassen. Wir bitten Renee, mit uns zu kommen, um diese gebrochene Nacht zu verlassen. Sie sagt, sie werde morgen zur Reha gehen, doch sie ist jetzt noch nicht so weit. Es ist eine zu große Veränderung. Wir beten und verabschieden uns und es ist schwer, ohne sie zu gehen.

Sie hat so großen Schmerz gekannt; heimgesuchte Träume als sie ein Kind war, seither die nahezu konstante Gegenwart des Bösen. Sie hat die Berührung von schrecklichen nackten Männern gespürt, Depression und Sucht bekämpft und versucht, sich umzubringen. Ihre Arme gedenken Rasierklingen, fünfzig Narben, die von selbst zugefügten Wunden erzählen. Sechs Stunden nachdem ich sie traf, fühlt sie sich gefangen, zwei Gruppen von „Freunden“ bieten gegensätzliche Ideen an. Jeder schläft. Die Sonne geht auf. Sie trinkt lange aus einer Flasche Schnaps, nimmt eine Rasierklinge vom Tisch und schließt sich im Badezimmer ein. Sie schneidet sich, benutzt die Klinge, um „FUCK UP“ groß über ihren linken Unterarm zu schreiben.

Die Krankenschwester in dem Behandlungszentrum findet die Wunde einige Stunden später. Das Zentrum bietet keine Entgiftungstherapie, nennt sie ein zu großes Risiko und nimmt sie nicht auf. Für die nächsten fünf Tage ist sie in unserer Obhut. Wir werden ihr Krankenhaus und die Möglichkeit der Heilung füllt unser Wohnzimmer mit Leben. Es ist unausgesprochen und wir sind nur ein paar wenige, doch wir werden ihre Kirche sein, der Leib Christi, der zum Leben erwacht, um ihren Bedürfnissen zu begegnen, um Liebe auf ihre Arme zu schreiben.

Sie ist voller Kontraste, lebendiger und dem Tod näher als irgendjemand, den ich kannte, wie ein Johnny Cash Song oder ein Theater-Star. Sie besitzt Haltung und Humor jenseits ihrer 19 Jahre und als sie mir ihre Geschichte erzählt, ist sie bescheiden und ruhig und freundlich, geprägt durch den Schmerz von hundert Lebzeiten. Ich sitze privilegiert, doch geknickt da, als sie mich teilhaben lässt. Ihr Leben war so dunkel, dennoch ist etwas sanfte Hoffnung in ihren Worten, und an folgenden Abenden sehe ich, wie die hübschesten Mädchen im Raum ihr sagen, dass sie schön ist. Ich denke, es ist Gott, der sie erinnert.

Ich bin diesen Weg noch nie gegangen, aber ich entscheide, wenn wir eine fünftägige Reha starten, dann wird es die coolste im Land. Es wird Rock and Roll. Wir beginnen mit den Grundlagen: jede Menge Spaß, zu viel Starbucks und viel zu viele Zigaretten.

Donnerstag Nacht ist sie auf der Tribüne bei Band Marino, das Beste aus Orlando. Sie sind Indie-Folk-fabelhaft, eine Bewegung, verkleidet als ein Zirkus. Sie liebt sie und sie lächelt, als ich auf den A&R-Mann aus Europa hinweise, aus London gekommen, nur um diese Show zu erwischen.

Sie hat einen guten Platz als in der nächsten Nacht die Magics die Sonics besiegen, bei jedem Dwight Howard Dunk kreischend wie ein lebenslanger Fan. Auf dem Heimweg machen wir Halt für mehr Kaffee und Bücher, Blue Like Jazz und (Anne Lamotts) Travelling Mercies.

Am Samstag ist die Taste of Chaos Tour in der Stadt und ich bin nicht einmal sicher, ob wir reinkommen, doch es öffnen sich Türen und nur Minuten nach dem Parken sind wir auf der Bühne bei Thrice, einer ihrer Lieblingsbands. Sie steht zehn Fuß vom Schlagzeuger entfernt, unaufhörlich lächelnd. Da ist ein strahlender Augenblick in der Musik, als Licht und Regen über der Bühne aufeinanderstoßen. Es fühlt sich an wie Heilung. Es ist gewiss Hoffnung.

Sonntag Abend ist Kirche und viele versammeln sich nach dem Gottesdienst, um für Renee zu beten – dies ist ihre letzte Nacht vor Beginn der Reha. Einige sind Fremde, aber heute Abend sind alle Freunde. Die Gebete reichen von gebrochenen zu tapferen, alle ermutigend. Wir sprechen zu Gott, aber ich denke, genau so sprechen wir zu ihr, erzählen ihr, dass sie geliebt wird und sagen, dass sie nicht allein geht. Einer unter uns kennt sie am besten. Ryan sitzt in der Ecke, klimpert auf einer Akustikgitarre, singt von ihr inspirierte Lieder.

Nach der Kirche füllt sich unser Haus mit Freunden, dort für ein paar weitere Momente vor dem Abschied. Jeder hat irgendein Geschenk für sie, eine Notiz oder Umarmung oder ein Stück Ermutigung. Sie zieht mich beiseite und sagt mir, sie möchte mir etwas geben. Ich lächle überrascht und frage mich, was es sein könnte. Wir gehen durch das überfüllte Wohnzimmer, in die Garage und zu ihren Sachen.

Sie reicht mir ihre letzte Rasierklinge, sagt mir, es ist diejenige, die sie benutzt hat, um vor fünf Nächten ihren Arm und ihre letzten Lines Kokain zu schneiden. Sie hatte sie seither bei sich, teilt mir mit, dass heute Nacht die härteste Nacht sein wird und sie sie nicht haben sollte. Ich halte sie vorsichtig, danke ihr und weiß augenblicklich, dass dieser Moment, dieses Geschenk, bei mir bleiben wird. Ich muss mich fragen, ob es dieses großartige Gefühl ist, was Christus erfährt, wenn wir unsere gebrochenen Herzen aushändigen, wenn wir den Tod gegen das Leben eintauschen.

Als wir bei dem Behandlungszentrum eintreffen, schließt sie ab: „Die Sterne sind immer da, aber wir übersehen sie in dem Schmutz und den Wolken. Wir übersehen sie in den Stürmen. Sag ihnen, sie sollen sich an die Hoffnung erinnern. Wir haben Hoffnung.“

Ich habe das Leben zu ihr zurückkommen gesehen und es war ein Privileg. Als unsere Zeit mit ihr begann, schlug jemand Schichten vor, doch das ist Geschäftssprache. Liebe ist etwas Besseres. Ich wurde gefordert und verändert, daran erinnert, dass Liebe die einfache Antwort auf so viele unserer schwierigsten Fragen ist. Don Miller sagt, wir sind vonnöten, unsere Hände gegen die Wunden einer gebrochenen Welt zu halten, um die Blutung zu stoppen. Ich stimme vollkommen zu.

Wir bitten Gott oft, sich zu zeigen. Wir beten Gebete der Rettung. Vielleicht würde Gott uns dazu auffordern, diese Rettung zu sein, sein Körper zu sein, zu plädieren für die Dinge, die von Bedeutung sind. Er ist nicht unsichtbar, wenn wir lebendig werden. Ich mag von schlichtem Gemüt sein, aber mehr und mehr glaube ich, Gott wirkt in der Liebe, spricht in der Liebe, ist in unserer Liebe offenbart. Ich habe das in dieser Woche gesehen und ehrlich gesagt, es war simpel: Nimm ein gebrochenes Mädchen, behandele sie wie eine berühmte Prinzessin, biete ihr die besten Plätze im Haus. Kaufe ihr Kaffee und Zigaretten zum Herunterkommen, Bücher und Badezimmerartikel für die kommenden Tage. Erzähle ihr etwas Wahres, wenn alles, was sie kannte, Lügen waren. Sag ihr, Gott liebt sie. Erzähle ihr von Vergebung, der Möglichkeit von Freiheit, sage ihr, sie wurde gemacht, um in weißen Kleidern zu tanzen. All diese Dinge sind wahr.

Wir sind nur gefragt, zu lieben, Hoffnung zu bieten für die vielen Hoffnungslosen. Wir bekommen nicht die Möglichkeit, alle Enden zu wählen, aber wir sind gefragt, die Retter zu spielen. Wir werden nicht alle Rätsel lösen und unsere Herzen werden in einem solch verletzlichen Leben sicherlich brechen, aber es ist der beste Weg. Wir wurden gemacht, um tapfere Liebhaber an gebrochenen Orten zu sein, uns selbst ausschüttend, wieder und wieder, bis wir nach Hause gerufen werden.

Ich habe so viel gelernt in einer Woche mit einem mutigen Mädchen. Sie ist jetzt am Leben, in der Geduld und Sicherheit der Reha, umsponnen von Zeichen des Wahnsinns, aber wählend zu glauben, dass Gott Dinge neu macht, dass er Hoffnung und Heilung in den Sternen beabsichtigt hat.

Sie würde dich bitten, dich zu erinnern.

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